Geisteswissenschaften und Karriere – ein Widerspruch?

Die mittelalterliche Gesellschaft war durch klare hierarchische Strukturen bestimmt. Vom Kaiser bis zum Bettler hatte jeder Mensch seinen Platz in der von Gott bestimmten Ordnung.
Eine soziale Mobilität gab es nicht; sie war auch keineswegs erwünscht. Einen Beruf wählte man nicht, man wurde quasi in ihn hineingeboren: Rittersöhne wurden Ritter, Handwerkersprösslinge erlernten ein Handwerk, Mädchen wurden Ehefrauen. Nicht einmal beim Eintritt in den geistlichen Stand hatten die Kinder ein Mitspracherecht; sie wurden wie Hildegard von Bingen als Zehnt, d.h. als Steuerabgabe an Gott, einem Kloster übergeben.
Die literarischen Figuren der mittelalterlichen Dichtung spiegeln dieses Weltbild wider: Artusritter müssen Abenteuer bestehen, um sich eben als perfekte Ritter und damit der Tafelrunde würdig zu erweisen. Der junge Held Parzival macht zwar eine lange Entwicklung durch, doch nur, um am Schluss seinen von Gott vorbestimmten Platz als Gralskönig einzunehmen.
Wer sich aber wie der Bauernsohn Helmbrecht über den Stand erheben will, dem er durch seine Geburt angehört, dem soll es schlecht ergehen: Der Bauer, der ein Ritter sein will, kommt auf grauenhafte Art zu Tode.

In unserer heutigen Gesellschaft hingegen ist der soziale Aufstieg schon fast ein Muss: „Meine Kinder sollen es einmal besser haben.“ Der Grundsatz der Gleichbehandlung aller und das Ideal der gleichen Chancen für alle ist in unserem Grundgesetz verankert.

Das schließt auch die Möglichkeit einer freien Berufswahl ein. Hier sollten eigentlich Eignung und Neigung die Hauptrolle spielen, doch die Realität sieht oft anders aus: Soll ich Medizin studieren? Nur wegen meiner guten Abiturnote? Eigentlich interessiert mich doch Germanistik am meisten. Aber meine Eltern meinen, BWL wäre besser…
So holt mittelalterliches Denken uns heute in der Form gesellschaftlicher Normen und Ansprüche an das soziale Ansehen eines Berufs wieder ein. Viele Studienabbrecher berichten, dass sie gerade Fächer wie Jura oder BWL gewählt hätten, weil der spätere Beruf mit hohem Prestige und guten Karrieremöglichkeiten verbunden ist. Im Gegensatz dazu bezeichnen sich Geisteswissenschaftler, die ihre Studienwahl häufiger als andere mit dem Interesse am Fach begründen, oft als „nicht karriereorientiert“. Was auf den ersten Blick sehr sympathisch wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine Kombination aus mangelndem Selbstbewusstsein und fehlender Information.

Würde eine Germanistik-Absolventin oder eine Historikerin ernsthaft eine angebotene Stelle als Werbetexterin, Marketingleiterin, Museumskustodin, Verlagslektorin oder Fernsehmoderatorin ablehnen, mit dem Hinweis, sie sei „nicht karriereorientiert“?
Wohl kaum.
Das Problem liegt eher darin, dass sie sich auf die entsprechenden Stellen nicht bewerben würden, da sie sich schon im Studium nicht mit ihren realen Chancen in diesen Berufen beschäftigt hat. Zur beruflichen Orientierung gehört aber auch die Frage nach den eigenen Werten und Zielen ebenso wie die nach der eigenen Begabung und dem „Draht“ zu den Berufschancen, die das Studienfach eröffnet.

Oft ist die Frage nach den beruflichen Möglichkeiten zu stark am Anspruch des zukünftigen Arbeitgebers ausgerichtet und zu wenig an den eigenen Idealen. Viele Germanisten können gut schreiben. Aber sollen nun alle Werbetexter werden? Eine sehr unglückliche Texterin für Werbeartikelkataloge hat mir einmal gesagt, sie verkaufe „überflüssigen, umweltschädlichen Mist“. Warum hat sie diesen Beruf denn überhaupt ergriffen? Weil sich ihr nach dem Examen die Chance bot, weil sie mit dem Job in der internationalen Agentur vor Freunden und Verwandten gut dastand, vielleicht auch, weil sie nicht länger über alternative Möglichkeiten nachdenken wollte. Nun geht es ihr, wie dem Romanhelden Parzival nach der Nacht in der Burg Munsalvaesche: Vor lauter Bemühen, es allen Recht zu machen, hat er die entscheidende Frage nicht gestellt und ist seinem Ziel ferner denn je. Doch unser junger Ritter wird aktiv; er holt sich Rat und findet schließlich doch noch zu der Position, zu der er berufen ist.

Den Berufseinstieg von Geisteswissenschaftler mit dem Werdegang einer mittelalterlichen Romanfigur zu vergleichen, erscheint Ihnen zu weit hergeholt? Immerhin bringt Parzival einige Voraussetzungen mit, die auch Studierenden nützlich sind: Neugier, Aufgeschlossenheit, Lernbereitschaft, den Mut zur Selbstkritik und den Willen zur Veränderung.

Also, überlegen Sie, was Sie nach Ihrem Studium werden wollen. Schreiben Sie auf, was Ihnen am meisten Spaß macht. Und warum. Wo sehen Sie selbst Ihre Stärken, was sagen Ihre Freunde und Ihre Familie dazu? Überlegen Sie, was Ihnen für den Arbeitsalltag wichtig ist. Und dann sammeln Sie Informationen über mögliche Berufe und probieren am besten durch Praktika aus, ob die zu Ihnen passen. Dann können sie sich auch aktiv für entscheiden und schaffen schließlich mit Selbstbewusstsein den ersten Schritt in Ihren Traumberuf.

Und dann sind Geisteswissenschaften und Karriere auch kein Widerspruch.

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